Ist es für einen Muslim erlaubt zu glauben, dass sich Allāh im wörtlichen Sinne im Himmel befindet?

23.02.2016

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Glaubenslehre (ʿAqīda)

Ist es für einen Muslim erlaubt zu glauben, dass sich Allāh im wörtlichen Sinne im Himmel befindet?

Frage: Ist es für einen Muslim erlaubt zu glauben, dass sich Allāh im wörtlichen Sinne im Himmel befindet?

Antwort: Nein. Die wörtliche Bedeutung von „im Himmel sein“ würde bedeuten, dass Er sich in einer Seiner Schöpfungen befände, da der Himmel erschaffen wurde. Es ist nicht erlaubt, daran zu glauben, dass Allāh einer Seiner Schöpfungen innewohnt (ḥulūl) oder sie besetzt – so wie es die Christen über Jesus oder die Hindus über ihre Avatāras glauben.

Was ein Muslim wissen muss, ist, dass Allāh ghaniyy (absolut frei von Bedarf) gegenüber allem ist, was Er erschaffen hat. Allāh sagt ausdrücklich in Sura al-ʿAnkabūt: „Denn Allāh ist der Weltenbewohner fürwahr unbedürftig.“ (Koran 29:6)

Dieses Attribut der ġinā (Freiheit von jeglichem Bedarf) wird im Koran etwa siebzehn Mal erwähnt. Es ist ein zentraler Punkt der islamischen ʿAqīda und der Grund, warum es unmöglich ist, dass Allāh Jesus (Friede sei mit ihm) oder irgendjemand sonst mit einem Körper oder einer Form wäre: Körper benötigen Zeit und Raum, während Allāh frei von Bedürfnissen ist.

Dies ist die ʿAqīda des Koran, und die islamischen Gelehrten hatten sie stets im Blick, wenn es um das Verständnis anderer Koranverse oder Ahadith ging.

Muslime richten ihre Hände gen Himmel, wenn sie Bittgebete (duʿāʾ) zu Allāh sprechen, weil der Himmel die Qibla für Bittgebete ist – nicht, weil Allāh in dieser Richtung wäre. So wie die Kaʿba die Qibla für das rituelle Gebet (ṣalāh) ist, ohne dass Muslime glauben, Allāh sei dort. Vielmehr hat Allāh die Qibla in Seiner Weisheit als Zeichen (āya) muslimischer Einheit bestimmt, ebenso wie Er den Himmel als Zeichen Seiner Erhabenheit und Unendlichkeit erschaffen hat – Bedeutungen, die das Herz eines Gläubigen bewegen, wenn er den Himmel betrachtet und zu Allāh betet.

Es war Teil der göttlichen Weisheit, diese Bedeutungen in der prophetischen Sunna zu verdeutlichen und so die Herzen derer auszurichten, die sie zum ersten Mal hörten. Besonders die aus der Jāhiliyya (vorislamischen Periode der Unwissenheit) stammenden Menschen waren oft geistig an physische Gegebenheiten gebunden und hatten wenig Vorstellung von Abstraktem. Dies spiegelte sich in ihren Götzen wider, die Abbilder materieller Dinge waren. ʿUmar ibn al-Ḫaṭṭāb berichtete beispielsweise, dass sie in der Jāhiliyya Götzen aus Datteln formten und diese später, wenn sie hungrig waren, aßen.

Die Sprache des Propheten (Allāh segne ihn und schenke ihm Heil), um die Erhabenheit Allāhs zu vermitteln, war daher so gewählt, dass sie auch für diese Menschen leicht verständlich war. Er gebrauchte das Bild des Himmels über ihnen als Symbol der Erhabenheit Allāhs.

Imam al-Qurtubi, der berühmte Koranexeget des 7./13.Jahrhunderts sagt: „Die Ahadith zu diesem Thema sind zahlreich, authentisch (ṣaḥīḥ) und weit verbreitet. Sie deuten unzweifelhaft auf die Erhabenheit Allāhs hin – außer für einen Atheisten oder hartnäckigen Ignoranten. Ihre Absicht ist, Allāh zu ehren und Ihn über alles Niedrige zu erheben. Sie beschreiben Ihn durch Erhabenheit und Größe, nicht durch das Sein an Orten, in Richtungen oder innerhalb von Grenzen – denn dies sind Eigenschaften physischer Körper.“ (vgl. al-Ǧāmiʿ li-Aḥkām al-Koran, Bd. 20, Kairo 1387/1967; Reprint Beirut: Dār Iḥyāʾ al-Turāṯ al-ʿArabī, o.D., 18:216)

In diesem Zusammenhang wird ein Hadith von Mālik in seiner Muwaṭṭaʾ und von Muslim überliefert: Muʿāwiya ibn al-Ḥakam kam zum Propheten (Allāh segne ihn und schenke ihm Heil) und sagte: „Ich komme gerade aus der Jāhiliyya, und nun hat Allāh den Islam gebracht.“ Er fragte über verschiedene Praktiken der Jāhiliyya, bis er am Ende sagte, dass er seine Sklavin geschlagen habe, und fragte, ob er sie freilassen solle, da dies verpflichtend sei, wenn sie gläubig wäre.

Der Prophet (Allāh segne ihn und schenke ihm Heil) ließ sie kommen und fragte:
„Wo ist Allāh?“
Sie antwortete: „Im Himmel (fī as-samāʾ).“
Er fragte: „Wer bin ich?“
Sie antwortete: „Du bist der Gesandte Allāhs.“
Daraufhin sagte er: „Lasst sie frei, denn sie ist eine Gläubige.“

(vgl. Ṣaḥīḥ Muslim, Bd. 5, Kairo 1376/1956; Reprint Beirut: Dār al-Fikr, 1403/1983, 1:382, Nr. 538)

Imam Nawawi sagt zu diesem Hadith:
“Das ist einer der Hadith der Attribute, zu welchen die Gelehrten zwei Meinungen vertreten. Die erste ist, daran zu glauben, ohne über die Bedeutung zu diskutieren, während man gleichzeitig glaubt ‘Nichts ist Ihm gleich’ (Koran 42:11), und dass Er erhaben darüber ist, irgendeine Eigenschaft Seiner Geschöpfe zu besitzen. Die zweite ist, es bildlich in einer passenden Art zu erklären, und Gelehrte, die diese Meinung vertreten, beweisen, dass das Argument des Hadiṯ war, das Sklavenmädchen zu testen: War sie eine Monotheistin, die bestätigt, dass der Erschaffer, der Anordner, der Ausführer, Allāh alleine ist und dass Er derjenige ist, den man während einem Gebet (Du’a) aufruft, wenn man sich gen Himmel wendet – so wie diejenigen, die das Gebet (Salat) in Richtung Kaaba verrichten, da die Kaaba die Qibla jener ist, die beten – oder war sie eine Anbeterin von Götzen, welche vor einen gestellt wurden? Als sie sagte ‘Im Himmel’, war es offensichtlich, dass sie keine Götzenanbeterin war.” (vgl. Sahih Muslim bi Sharh al-Nawawi, 18. Bd., Kairo 1349/1930. Reprint (18 Bd in 9). Beirut: Dar al-Fikr, 1401/1981, 5.24).

Es ist bemerkenswert, dass Imam Nawawi ein wörtliches Verständnis des Hadiṯ als mögliche Position eines Gelehrten überhaupt nicht erwähnt. Diese Gegebenheit überrascht heute viele Muslime, die sich einbilden, es ginge darum, einen einzigen überlieferten, authentischen (Sahih) Hadiṯ als Beweis in islamischen Glaubensgrundlagen (Aqida) anzunehmen, da dieser Hadiṯ so einer ist, den man im arabischen “ahad” nennt (überliefert mit nur einer Überlieferungskette), im Gegensatz zu “mutawatir” (überliefert von so vielen Überlieferungsketten, dass eine Fälschung unmöglich ist).

Und doch steht dies hier gar nicht zur Diskussion, da Hadithe dieser Sorte als Beweis im Bereich der Glaubenslehre von traditionellen Gelehrten nur unter einer Bedingung akzeptiert werden:

Dass die im Hadith erwähnten Glaubensgrundlagen “salīmun min al-muʿāraḍa” (frei von sich widersprechenden Hinweisen) sind.

Diese Bedingung wird in diesem besonderen Hadiṯ in einer Vielzahl von Punkten nicht erfüllt. Erstens haben wir mehrere authentische Überlieferungen dieser im Hadiṯ erwähnten Begebenheit, die sich sehr von der “Wo ist Allāh? – Im Himmel”-Version unterscheiden. In einer davon heißt es bei Ibn Hibban in seinem Sahih, mit einer gut-beglaubigten Überlieferungskette (Sahih), dass der Prophet (Allāh segne ihn und schenke ihm Heil) das Sklavenmädchen gefragt hat: “Wer ist dein Gott?” und sie sagte: “Allāh”, woraufhin er sie fragte: “Wer bin ich?” und sie sagte: “Du bist der Gesandte Gottes”, nachdem er anordnete: “Lasst sie frei, sie ist eine Gläubige!” (vgl. Al-Ihsan fi taqrib Sahih Ibn Hibban, 18 Bd., Beirut: Muassasa al-Risala, 1408/1988, 1.419:189)

In einer anderen Version, überliefert von Abd al-Razzaq mit einer stark beglaubigten Überlieferungskette (Sahih), sagte der Prophet (Allāh segne ihn und schenke ihm Heil) zu ihr: “Bezeugst du, dass es keinen Gott gibt außer Allāh?” und sie bejahte. Er sagte: “Bezeugst du, dass ich der Gesandte Allāhs bin?” und sie sagte ja. Er fragte: “Glaubst du an die Auferstehung nach dem Tod?” und sie sagte ja. Und er meinte: “Lasst sie frei!” (vgl. Al-Musannaf, 11 Bd., Beirut: al-Majlis al-Ilmi, 1390/1970, 9.175:16814).

In anderen Versionen kann das Sklavenmädchen kaum sprechen und zeigt nur gen Himmel. Ibn Hajar al-Asqalani sagte über die verschiedenen Versionen dieses Hadith: “Es gibt einen großen Widerspruch im Wortlaut.” (vgl. Talkis al-habir, 4. Bd. in 2, Kairo: Maktaba al-Kulliyat al-Azhariyya, 1399/1979, 3.250).

Wenn ein Hadith mehrere widersprüchliche Versionen hat, dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass er nur in Bezug auf das Verständnis von einem oder mehreren Überlieferern fußt (riwaya bi al-ma’na), und daher ist eine der Versionen nicht zur Herstellung eines Punktes der ´Aqida angebracht.

Zweitens ist die letztere Betrachtungsweise besonders anwendbar in Bezug der Fragestellung, da der Prophet (Allāh segne ihn und schenke ihm Heil) ausdrücklich die Säulen des islamischen Glaubens (Iman), in einem Hadiṯ überliefert von Sahih Muslim, einzeln aufgeführt hat, als er die Fragen des Erzengels Gabriel beantwortete.

In diesem heißt es, wahrer Glaube (Īmān) ist, an Allāh, Seine Engel, Seine Bücher, Seine Gesandten, den Jüngsten Tag des Gerichts und an die Vorherbestimmung (Qadr) und an das Gute und Schlechte darin zu glauben (vgl. Ṣaḥīḥ Muslim, 1.37:8) – und er erwähnte gar nichts in Bezug darauf, dass Allāh „im Himmel“ wäre.

Wäre es ein entscheidender Test eines Muslims in Bezug auf Glaube oder Unglaube (so wie es der ḥadīth „Im Himmel…“ anscheinend andeutet), so hätte es eine Pflicht für den Propheten (Allāh segne ihn und schenke ihm Heil) dargestellt, es in dem erwähnten ḥadīth anzuführen, dessen Hauptgrund es ist, präzise anzugeben, was Īmān genau ist.

Drittens, wenn man die Bedeutung des ḥadīth wörtlich nimmt, wie es heißt „Allāh wäre im Himmel“, dann steht es im Widerspruch zu anderen, gleichrangigen ṣaḥīḥ aḥādīth, die vermutlich das gleiche Recht haben, wörtlich genommen zu werden – wie zum Beispiel der ḥadīth qudsī, überliefert von al-Ḥākim, wo Allāh der Erhabene sagt: „Ich bin mit Meinem Diener wann immer er sich Meiner erinnert und seine Lippen bewegen sich mit Mir!“ (vgl. al-Mustadrak ʿalā al-Ṣaḥīḥayn, 4. Bd., Ḥaydarābād, 1334/1916. Reprint [mit Index Bd. 5]. Beirut: Dār al-Maʿrifa, o. D., 1.496).

Das ist ein ḥadīth, über den al-Ḥākim sagt, er sei authentisch (ṣaḥīḥ), was al-Dhahabī bestätigt.

Oder solche wie der ḥadīth, überliefert von al-Nasāʾī, Abū Dāwūd und Muslim, dass „der Diener am nahesten an seinen Herrn ist, wenn er in der Niederwerfung ist“. (vgl. Ṣaḥīḥ Muslim, 1.350:482)

„Allāh ist im Himmel“ würde bedeuten, dass man Ihm am nahesten während des aufrechten Stehens ist.

Ein anderer Beleg ist der Hadīth, der von al-Bukhārī in seinem Ṣaḥīḥ überliefert wird, in welchem der Prophet (Allāh segne ihn und schenke ihm Heil) das Spucken nach vorn während des Gebetes verboten hat, denn sobald eine Person betet, ist „sein Herr vor ihm“ (vgl. Ṣaḥīḥ al-Bukhārī, 1.112:406).

Schließlich wurden in den aḥādīth über die Miʿrāǧ (nächtlicher Aufstieg) dem Propheten (Allāh segne ihn und schenke ihm Heil) alle der sieben Himmel (samāwāt) durch Ǧibrīl gezeigt, und es ist nicht erwähnt, dass sich Allāh in einem davon befindet.

Viertens: Die wörtliche Interpretation von „Allāh ist im Himmel“ widerspricht zwei Fundamenten islamischer ʿAqīda, die durch den Korann festgelegt wurden.

Das erste von ihnen ist Allāhs Attribut „mukhālafatu li-l-ḥawādith“ (das Sich-nicht-ähneln von Geschöpfen in irgendeiner Art), wie Allāh es in Sūrat al-Schūrā im Koran sagt: „Nichts ist Ihm gleich.“ (Koran 42:11), und wäre Er wörtlich „im Himmel“, dann gäbe es eine unzählbare Anzahl von Dingen, die Ihm in Bezug auf eine Höhe, Position, Richtung und so weiter ähneln zu haben. Das zweite Fundament, dem es – wie oben erwähnt – widerspricht, ist Allāhs Attribut von „ghināʾ“ (absolut frei sein von irgendwelchen Bedürfnissen von der Schöpfung), welches Er in zahlreichen Versen im Koran bekräftigt.

Es ist unmöglich, dass Allāh eine verkörperte Einheit darstellt, denn Körper brauchen Raum und Zeit, während Allāh absolut kein Bedürfnis nach irgendetwas hat.

Fünftens, die wörtliche Interpretation von „im Himmel“ setzt voraus, dass der Himmel Allāh von allen Seiten umfasst, sodass Er kleiner wäre als er selbst, und es wäre größer als Allāh, was offenkundig falsch ist.

Aufgrund von diesen und anderen Gründen haben es islamische Gelehrte als verpflichtend angesehen, den oben angeführten ḥadīth und andere Texte mit ähnlichem Inhalt in Bezug auf den Gebrauch der arabischen Sprache im übertragenen Sinne zu interpretieren.

Erwägen wir den koranischen Vers: „Glaubt ihr in Sicherheit davor zu sein, dass Wer im Himmel ist, die Erde mit euch versinken lässt, sodass sie sich dann hin und her bewegt?“ (Koran 67:16), für welchen hier die folgenden Beispiele von traditionellem Tafsīr (Korankommentar) angeführt werden können:

Al-Qurṭubī: Die großen Gelehrten meinen, dass es („im Himmel“) bedeutet: „Glaubt ihr in Sicherheit davor zu sein, dass Wer über dem Himmel ist…“ – so wie Allāh sagt: „Nun zieht im Land… umher“ (Koran 9:2). Es bedeutet, darüber zu reisen – nicht über dem Himmel in physischer oder spezifischer Weise, sondern im Sinne von allmächtiger Kraft und Kontrolle. Ein anderer Standpunkt ist, dass es bedeutet: „Glaubt ihr in Sicherheit davor zu sein, dass Wer über dem (ʿalā) Himmel…“, so wie es gesagt wird, dass „Dieser und jener ist über dem ʿIrāq und dem Ḥiǧāz“, was bedeutet, dass er Hauptmann und Kommandant von ihnen ist (vgl. al-Ǧāmiʿ li-aḥkām al-Koran, 18.216).

Al-Schirbīnī al-Khaṭīb: Es gibt verschiedene interpretatorische Ansichten zu „Wer im Himmel ist“, von denen eine bedeutet: „Er, Dessen Macht im Himmel ist“, weil es der Verweilort der Engel ist; Sein Thron, Sein Kursī und die bewachte Schreibtafel befinden sich dort, und von dort aus werden Seine Verordnungen, Seine Bücher, Seine Anordnungen und Verbote herabgesandt. Eine zweite interpretative Möglichkeit ist, dass „Wer im Himmel ist“ in der sprachlichen Konstruktion etwas weglässt – in anderen Worten: „Fühlt ihr euch sicher vor dem Schöpfer vor dem, was im Himmel ist“ als Hinweis auf die Engel, die im Himmel weilen, da an sie die Befehle zur Verwaltung göttlicher Gnade oder göttlicher Strafe ergehen. (vgl. al-Sirāǧ al-Munīr, 4 Bd., Bulāq 1285/1868. Reprint. Beirut: Dār al-Maʿrifa, o. D., 4.344)

Faḫr al-Dīn al-Rāzī: „Derjenige, der im Himmel ist“ mag den Engel meinen, der autorisiert ist, göttliche Strafen zuzufügen; das ist Ǧibrīl (Friede sei mit ihm). Die Worte „die Erde mit euch versinken lässt“ bedeuten: „mit Allāhs Befehl und Erlaubnis“ (vgl. Tafsīr al-Faḫr al-Rāzī, 32 Bd., Beirut 1401/1981. Reprint [32 Bd. in 16]. Beirut: Dār al-Fikr, 1405/1985, 30.70).

Abū Ḥayyān al-Naḥwī: Der Kontext dieser Worte mag sich an die Überzeugungen der Angesprochenen (die Ungläubigen) wenden, die Anthropomorphisten waren, entsprechend ihren Auffassungen. Sodass die Bedeutung lauten würde: „Fühlt ihr euch sicher vor Jenem, von Dem ihr glaubt, dass Er im Himmel ist?“ – während Er erhaben über jeden Ort ist (vgl. Tafsīr al-Nahr al-Mādd min al-Baḥr al-Muḥīṭ, 2 Bd. in 3. Beirut: Dār al-Ǧanān und Muʾassasa al-Kutub al-Ṯaqāfiyya, 1407/1987, 2.1132).

Qāḍī ʿIyāḍ: Es gibt Einigkeit unter Muslimen, ihren Rechtsgelehrten, ihren ḥadīṯ-Gelehrten, ihren Theologen beider Gruppen – den einen mit selbstständigen Argumentationsfähigkeiten und den anderen, die diesen einfach nur folgen – dass die schriftlichen Beweise, die Allāh „im Himmel“ beschreiben, so wie Seine Worte es tun: „Glaubt ihr in Sicherheit davor zu sein, dass Wer im Himmel ist, die Erde mit euch versinken lässt, sodass sie sich dann hin und her bewegt?“ usw., nicht im wörtlichen Sinne (ẓāhir), den sie andeuten, aufzufassen sind, sondern vielmehr haben es alle Gelehrten anders als im wörtlichen Sinne interpretiert (vgl. Ṣaḥīḥ Muslim bi-Scharḥ al-Nawawī, 5.24).

Wenden wir uns nun einem finalen Beispiel zu, einem Hadith, überliefert von Muslim, in dem der Prophet (Allāh segne ihn und schenke ihm Heil) gesagt haben soll: Euer Herr, gesegnet und erhaben ist Er, steigt jedes letzte Drittel der Nacht in den Himmel dieser Welt herab und sagt: „Wer betet Mich an, auf dass Ich ihm antworte? Wer bittet Mich um etwas, auf dass Ich es ihm geben möge? Wer sucht nach Meiner Vergebung, auf dass Ich ihm vergebe?“ (vgl. Ṣaḥīḥ Muslim, 1.521:758)

Wenn wir für einen Moment über diesen ḥadīṯ nachdenken, handelt es sich hier nicht über ʿAqīda, sondern er versucht einen eher praktischen Hinweis zu geben – dass wir nämlich im letzten Drittel der Nacht etwas tun sollen: aufstehen und beten.

Dies ist der Grund, warum Imām al-Nawawī diesen Hadīth, als er dem dargestellten Kapitel einen Namen zur Überschrift gab, unter die Sparte „Das Anerziehen des Verlangens, Bittgebete zu sprechen und Gottesgedenken (Dhikr) im letzten Drittel der Nacht zu machen und das Antworten darin“ stellte.

Zur Bedeutung des Wortes „herabsteigen“ im ḥadīṯ sagt Imām al-Nawawī:

Das ist ein „Hadith der Attribute“, und es gibt dazu zwei Ansichten, so wie es vorher im „Buch des Īmān“ dargestellt wurde. Zusammenfassend: Die erste Ansicht, welcher die Schule der Mehrheit der ersten Muslime und einige Theologen folgen, ist die, dass man daran glauben soll, dieser ḥadīṯ sei in einer Art, die Allāh entspricht, wahr, während hingegen die wörtliche Bedeutung, die uns bekannt und für uns anwendbar ist, darin nicht beinhaltet ist – ohne über die tatsächliche Bedeutung zu diskutieren, weil wir daran glauben, dass Allāh über alle Attribute der Schöpfung erhaben ist: über das Ändern der Position, über Bewegung und über alle anderen Attribute der Schöpfung.

Die zweite Ansicht, welche die Schulen der meisten Theologen von allen Gruppen der ersten Muslime (Salaf), und die von Mālik und al-Awzāʿī überliefern, ist die, dass solche Ahadith im übertragenden Sinne und ihrem Kontext entsprechend interpretiert werden sollen. Nach dieser Denkschule wird der Hadith auf zwei Arten interpretiert:

Die erste ist die Interpretation von Mālik ibn Anas und anderen, dass es („euer Herr steigt herab“) bedeutet: „Seine Gnade, Anordnungen und die Engel steigen herab“, so wie gesagt wird „der Sulṭān tat dies und jenes“, obwohl es seine Gefolgsleute waren, die seine Befehle ausführten.

Die zweite ist eine Metapher, welche Allāhs Anliegen um denjenigen, der Bittgebete spricht, andeuten soll – durch Beantwortung und Güte ihm gegenüber. (vgl. Ṣaḥīḥ Muslim bi-Scharḥ al-Nawawī, 6.3637)

Zum obigen Hadith sagt der Hadith-Gelehrte ʿAlī al-Qārī zu „Allāhs Herabsteigen“: Du weißt, dass Mālik und al-Awzāʿī, welche unter den Größten der ersten Muslime waren, beide detaillierte, symbolische Interpretationen zu dem ḥadīṯ gaben… Ein anderer von ihnen war Ghaʿfar al-Ṣādiq. Fürwahr, eine ganze Gruppe von ihnen (den frühen Muslimen) als auch spätere Gelehrte sagten, dass, wer auch immer daran glaubt, dass Allāh in einer bestimmten physischen Richtung sei, ein Ungläubiger sei – so wie es al-ʿIrāqī explizit dargestellt hat, behauptend, dass dies auch die Positionen von Abū Ḥanīfa, Mālik, al-Schāfiʿī, al-Ašʿarī und al-Bāqillānī waren. (vgl. Mirqāt al-mafātiḥ: Scharḥ Mischkāt al-maṣābīḥ, 5 Bd., Kairo 1309/1892. Reprint. Beirut: Dār Iḥyāʾ al-Turāth al-ʿArabī, o. D., 2.137)

Es ist wichtig zu erwähnen, dass al-ʿIrāqī ein ḥāfiẓ (Hadīth-Meister – jemand, der über 100.000 aḥādīṯ auswendig kann) war, während ʿAlī al-Qārī eine Autorität in aḥādīṯ war, welcher Referenzwerke niedergelegt hat, die auch heute noch zur Identifizierung gefälschter aḥādīṯ verwendet werden. In anderen Worten: Jeder hatte die höchsten Berechtigungen, die Überlieferungsketten ihrer Standpunkte zu beglaubigen. Aus diesem Grund ist ihre Überlieferung zur Ansicht über den Unglauben jener, die Allāh eine Richtung zuschreiben, von hohem Gewicht.

Aber vielleicht ist es angebrachter zu sagen, dass heutige Muslime, die daran glauben, Allāh sei irgendwie „da oben“, nicht als Ungläubige zu bezeichnen sind. Für sie gilt die šubha (zweifelhafter Umstand), da wohlhabende Gegenden in unserer Zeit aggressiv die bidʿa des Anthropomorphismus forcieren.

Diese bidʿa wurde in den früheren Jahrhunderten einer kleinen Handvoll Ḥanbalīs zugeschrieben, welche immer wieder durch die Gelehrten der Ahl al-Sunna widerlegt wurden – wie z. B. durch ʿAbd al-Raḥmān ibn al-Ǧawzī (gest. 597/1201), welcher seine „Mit-Ḥanbalīs“ in seinem Dafʿ šubah al-tašbīh bi-akaff al-tanzīh (Widerlegung der anthropomorphistischen Andeutungen zuhanden göttlicher Transzendenz) mit folgenden Worten ansprach:

Wenn ihr gesagt hättet „Wir lesen die aḥādīṯ und verbleiben stumm“, dann hätte euch keiner verurteilt. Das Schändliche ist, dass ihr sie wörtlich interpretiert. Führt nicht heimlich in die maḏhab dieses gerechten frühen Muslim (Aḥmad ibn Ḥanbal) das ein, was nicht dazu gehört! Ihr habt diesen maḏhab in schändliche Ungnade gehüllt, bis niemand mehr „Ḥanbalī“ sagen kann, ohne „Anthropomorphist“ zu sagen. (vgl. Dafʿ schubah al-taschbīh bi-akaff al-tanzīh, Kairo o. D. Reprint. Kairo: al-Maktaba al-Tawfīqiyya, 1396/1976, 28–29)

Diese Ansichten überlebten offenbar einige Jahrhunderte in Khurāsān, Afghanistan und in weiteren Orten im Osten, da Imām al-Kawṯarī feststellt, dass der Ḥanbalī Ibn Taymiyya (gest. 728/1328) die Details von ihnen aus Manuskripten über Sekten zusammengesammelt hat, nachdem Bibliotheken von Gelehrten mit Karawanen vor den Mongolen nach Damaskus – weiter östlich fliehend – strömten. Er las sie ohne einen scharfsinnigen Lehrer, der ihn leiten konnte, fing an zu glauben, was er daraus verstand, und fuhr damit fort, ein Fürsprecher für diese Positionen in seinen eigenen Werken zu werden. (vgl. al-Kawṯarī, al-Sayf al-saqīl fī al-radd ʿalā Ibn Zafil, Kairo 1356/1937. Reprint. Kairo: Maktaba al-Zahrān, o. D., 56)

Er wurde für diese Ansichten mehrere Male vor seinem Tod weggesperrt; die Gelehrten von Damaskus bezichtigten ihn des Anthropomorphismus (vgl. al-ʿAsqalānī, al-Durar al-kāmina fī aʿyān al-miʾa al-ṯāmina, 4 Bde., Hyderabad 1349–50/1930–31. Reprint. Beirut: Dār Iḥyāʾ al-Turāth al-ʿArabī, o. D., 1.156).

Die Schriften wurden von Gelehrten wie Abū Ḥayyān al-Naḥwī (745/1344), Taqī al-Dīn al-Subkī (756/1355), Badru al-Dīn ibn Ǧamāʿa (733/1333), al-Amīr al-Ṣanʿānī, Autor des Subul al-salām (1182/1768), Taqī al-Dīn al-Ḥiṣnī, Autor des Kifāyat al-akhyār (829/1426), und Ibn Ḥaǧar al-Haytamī (974/1567) in Widerlegung seiner ʿaqīda verfasst. Sie blieb für die nächsten 400 Jahre von Muslimen unbeachtet – bis zur Wahhābī-Bewegung des 18. Jahrhunderts, welche Ibn Taymiyya in seiner Auslegung der ʿaqīda folgte und ihn zu ihrem „Šayḫ al-Islām“ machte. Erst mit dem Buchdruck in der arabischen Welt erblickten die Bücher (und die Glaubensgrundlagen dieser Sekte) von Ibn Taymiyya das Licht der Welt, als ein reicher Händler aus Ghidda den Druck seiner Minhāǧ al-sunna und anderer Werke der ʿaqīda im Ägypten des letzten Jahrhunderts in Auftrag gab und diese Zeit als „Salafismus“ oder „Rückkehr zum Frühislam“ wiederbelebte.

Seitdem wurden sie in allen Teilen der muslimischen Welt verbreitet, unterstützt durch die reichliche Finanzierung von ein oder zwei modernen muslimischen Ländern, deren Einsatz Moscheen mit Büchern, Pamphleten und jungen Männern füllte, die diese Ideen weitertrugen (mitsamt Ibn Taymiyyas fraglichen – oder gar nicht vorhandenen – Überlieferungsketten) und sie sogar den Imāmen der frühesten Muslime zuschrieben.

Mein Standpunkt in Bezug darauf, ob man Muslime als Gläubige oder Ungläubige betrachten soll, ist derjenige, dass dieses Geld den Einfluss und die Propaganda kaufen kann, um die Nacht zum Tag zu machen. Somit gibt es vielleicht für zeitgenössische Muslime eine Entschuldigung dafür – so lange, bis sie die Möglichkeit haben zu lernen, dass der Gott des Islām metaphysisch darüber erhaben ist, ein sehr großer Mann zu sein, genauso wie Er metaphysisch darüber erhaben ist, Raum und Zeit unterworfen zu sein – was nichts weiter als zwei Seiner Schöpfungen sind.

Zusammenfassend zur Antwort auf Ihre oben gestellte Frage:
Gelehrte nehmen die Primärtexte aus dem Koran wörtlich, so lange, bis kein triftiger Grund besteht, dies nicht zu tun. Im Falle „Allāh sei im Himmel“ oder „Allāh steige zum Himmel herab“ gibt es dafür viele Gründe:

Erstens macht es eine wörtliche Auffassung des Textes unmöglich, ihn mit vielen anderen gründlich durchforschten Texten über Allāh – wie „Er ist mit Seinem Diener, wenn dieser Dhikr macht“, „näher zu ihm als die Halsschlagader“ (Koran 50:16), „vor ihm, wenn er betet“, „am nächsten zu ihm während der Niederwerfung“, „im Himmel“, als das Sklavenmädchen gefragt wurde, „mit dir, wo immer du bist“ (Koran 58:4) – in Verbindung zu bringen.

Diese hängen nicht zusammen, wenn sie allesamt wörtlich aufgefasst werden, und sie werden nur dann frei von Gegensätzen, wenn sie so verstanden werden, wie es Mālik, al-Awzāʿī und al-Nawawī (wie oben erwähnt) getan haben.

Zweitens hat der Prophet ﷺ den Glauben, den jeder Muslim haben muss, im Gabriel-ḥadīṯ (überliefert im Ṣaḥīḥ Muslimund anderen) detailliert erklärt, und er hat keine Anmerkung darüber gemacht, dass Allāh „im Himmel“ (oder sonst wo) ist.

Drittens: Allāhs Weilen „im Himmel“ so wie die Vögel, Wolken usw. ist ein „im Himmel“ im wörtlichen Sinne und widerspricht der ʿaqīda des Koran, wo es heißt: „Und nichts ist Ihm gleich“ (Koran 42:11).

Viertens: Die Vorstellung von Allāhs Sein an bestimmten Orten widerspricht der ʿaqīda, die in 17 Versen des koran angeführt wird, dass Allāh frei von jeglichen Bedürfnissen nach etwas sei – während Dinge, die einen Platz einnehmen, zweierlei brauchen: Raum und Zeit.

Diese Gründe sind nicht vollständig, sondern beabsichtigen, die gestellte Frage zu beantworten, indem sie die ʿaqīda und Grundlagen der traditionellen ʿUlamāʾ in der Interpretation solcher Texte, über die wir sprechen, aufzeigen.

Sie zeigen lediglich, wie weit entfernt es vom traditionellen Islām ist, wörtlich zu glauben, Allāh sei „im Himmel“, und warum es für einen Muslim nicht erlaubt ist, an eine derartige Auslegung zu glauben.

Wa-Allāhu aʿlam wa-huwa al-muwaffiq.

Schaikh Nuh Ha Mim Keller (1995)