Darf man in Europa nach den Tageszeiten von Makkah fasten?

06.06.2016

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Ramaḍān

Darf man in Europa nach den Tageszeiten von Makkah fasten?

Thema: Fatwa zu den Fastenzeiten in Ländern mit langen Sommertagen

Frage: In diversen Internetforen kursiert derzeit die Fatwa, dass es in Ländern wie Deutschland, in denen im Sommer die Dauer des Fastens 18 Stunden beträgt, erlaubt wäre, gemäß der Dauer des Fastentages in Makkah al-Mukarramah zu fasten. Wir haben den Inhalt dieser Rechtsgutachten drei Gelehrten unterschiedlicher Rechtsschulen vorgelegt und sie um eine Stellungnahme dazu gebeten. Die Antworten finden sich im Folgenden, jeweils zuerst in deutscher Übersetzung und danach im arabischen Original.

Es handelt sich um folgende Rechtsmeinungen:

  1. Für die schafiitische Rechtsschule: Schaykh ʿUmar al-Ǧīlānī, schafiitischer Mufti von Makkah al-Mukarramah

  2. Für die hanafitische Rechtsschule: Schaykh Dr. ʿAbd al-Fattāḥ al-Bizem, hanafitischer Mufti von Damaskus

  3. Für die malikitische Rechtsschule: Schaykh Ibrāhīm al-Šinqīṭī, Mauretanien

 


Rechtsgutachten des schafiitischen Muftis von Makkah al-Mukarramah, Schaykh ʿUmar al-Ǧīlānī

Im Namen Allāhs, des Allerbarmers, des Allbarmherzigen
Alles Lob gebührt Allāh, und der Segen und Frieden seien mit dem Gesandten Allāhs, unserem Meister Muḥammad, sowie seiner Familie, seinen Gefährten und all jenen, die seiner Rechtleitung folgen.

Antwort: Die im Islam festgelegten Zeiten für die Gottesdienste (wie Gebet und Fasten) hängen in Bezug auf ihren Anfang und ihr Ende von den zeitlichen Gegebenheiten an dem Ort ab, an dem sich der religiös verantwortliche Muslim befindet – nicht von den Zeiten in Makkah al-Mukarramah. Dies ist ein Ausdruck der Barmherzigkeit Allāhs für die Muslime.

Die Weisheit dahinter ist, dass Allāh will, dass Muslime die Erde durch gottesdienstliche Handlungen und Gedenken an Ihn zu allen unterschiedlichen Zeiten beleben – zu den von Ihm festgelegten Zeiten für den Auf- und Untergang von Sonne und Mond.

Allāh sagt:

  • „Sie fragen dich nach den Neumonden. Sag: Sie sind festgesetzte Zeiten für die Menschen und für die Pilgerfahrt.“ (2:189)

  • „Wer also von euch während dieses Monats anwesend ist, der soll ihn fasten […]“ (2:185)

  • „Die Sonne und der Mond (laufen) nach Berechnung.“ (55:5)

Somit verrichten die Muslime ihre Gottesdienste gemäß den örtlich bestimmten Zeiten. Dadurch gibt es auf der ganzen Erde keine Stunde, weder am Tag noch in der Nacht, in der keine gottesdienstlichen Handlungen verrichtet werden, deren Zeit festgelegt ist.

Die Bestimmung von Beginn und Ende zeitgebundener Gottesdienste erfolgt immer am Ort des Verpflichteten – darin herrscht Konsens unter den Gelehrten aller Rechtsschulen.

Die zur Debatte stehende Fatwa, die in Ländern mit einer Fastendauer von etwa 18 Stunden eine Anpassung an die Fastenzeit von Makkah (ca. 15 Stunden) empfiehlt, hat keinen gültigen religiösen Beweis. Sie würde dazu führen, dass Fastende ihr Fasten vor der vom Gesandten Allāhs (ﷺ) festgelegten Zeit brechen – was das Fasten ungültig macht.

Diese Fatwa stützt sich auf die Annahme, dass das 18-stündige Fasten gesundheitsschädlich sei. Das widerspricht jedoch der Realität: Muslime in europäischen Ländern fasten seit vielen Jahren lange Sommerfastentage ohne gesundheitliche Schäden. Falls jedoch ein individueller gesundheitlicher Schaden entsteht, ist es erlaubt, das Fasten zu brechen und die Tage später nachzuholen (vgl. 2:184).

Ein Ziel des Fastens ist es, Geduld zu erlernen – Geduld ist die Hälfte des Glaubens, und das Fasten ist die Hälfte der Geduld. Allāh befiehlt:
„Und sucht Hilfe in der Standhaftigkeit und im Gebet! Es ist freilich schwer, nur nicht für die Demütigen, die daran glauben, dass sie ihrem Herrn begegnen werden, und dass sie zu Ihm zurückkehren.“ (2:45–46)

Allāh verheißt den Geduldigen das Paradies, und die Engel werden ihnen sagen:
„Friede sei auf euch dafür, dass ihr geduldig wart! Wie trefflich ist die endgültige Wohnstätte!“ (13:23–24)

Hier in Makkah dauert das Fasten im Sommer etwa 15 Stunden bei bis zu 50°C – ohne dass die Muslime Schaden erleiden. Sie erlangen vielmehr großen Lohn und die beiden Freuden, die Allāh in einem Hadith qudsī erwähnt:

  • Die Freude beim Fastenbrechen in dieser Welt

  • Die noch größere Freude beim Treffen mit ihrem Herrn im Jenseits

Der Lohn wird nach der Anstrengung bemessen.

Allāh ist der Schutzherr des Erfolgs und der wahre Beisteher. Mögen Segen und Frieden Allāhs auf unserem Meister Muḥammad sein, sowie auf seiner Familie und seinen Gefährten.

Antwort herausgegeben von Al-Sayyid ʿUmar ibn Ḥāmid al-Ǧīlānī, 22. Šaʿbān 1437 / 29. Mai 2016

Rechtsgutachten im arabischen Original – Schaykh ʿUmar al-Ǧīlānī(Schafiitische Rechtsschule, Makkah al-Mukarramah)

بسم الله الرحمن الرحيم

الحمد لله والصلاة والسلام على رسول الله سيدنا محمد وآله وصحبه ومن اتبع هداه، وبعد:

الجواب:
إن المواقيت المحددة للعبادات في الدين الإسلامي بدءاً وانتهاءً تتعلق بتوقيت مكان المسلم المكلف كما في مواقيت الصلاة والصيام، ولا تتعلق بأوقاتها في مكة المكرمة، وهذا من رحمة الله بالمسلمين. والذي يظهر من حكمتها أنه سبحانه أراد من المسلمين أن يعمروا بعبادتهم وذكرهم له الكوكب الأرضي مع اختلاف مطالع ومغارب الشمس والقمر فيه، والذين جعلهما الله مواقيت لكثير من العبادات والمعاملات.

قال الله تعالى:

  • {يَسْأَلُونَكَ عَنِ الأهِلَّةِ قُلْ هِيَ مَوَاقِيتُ لِلنَّاسِ وَالْحَجِّ} (البقرة 189)

  • {فَمَنْ شَهِدَ مِنْكُمُ الشَّهْرَ فَلْيَصُمْهُ} (البقرة 185)

  • {وَالشَّمْسُ وَالْقَمَرُ بِحُسْبَانٍ} (الرحمن 5)

فالمسلمون يؤدون عباداتهم في الأوقات التي حددها الشرع الشريف مكان أدائهم لها، فلا تخلو ساعة من ليل أو نهار في عموم الأرض ممن يؤدون العبادات الموقوتة بزمانها حيث كانوا على هذا الكوكب.

إن تحديد بدء وانتهاء العبادة الموقوتة من الشرع يتعلق بمكان المكلّف، وهذا ما أطبقت عليه أقوال أهل العلم في جميع مذاهبهم عبر تاريخهم الطويل.

أما الفتوى المسؤول عنها، والتي تحدد ساعات الصوم في البلدان التي يصل وقت الصيام فيها إلى ثماني عشرة ساعة بساعات الصيام في مكة المكرمة نحو خمسة عشر ساعة، فلا تستند إلى دليل شرعي، ويترتب عليها إفطار الصائمين في تلك البلدان قبل دخول الوقت الذي حدده الرسول ﷺ للإفطار، فيكون بها إفسادٌ لصومهم.

وهذه الفتوى، التي جعلت صعوبة الصيام في البلدان التي يكون وقت الإمساك فيها ثماني عشرة ساعة سبباً في إلحاق ضرر ببدن الصائم، لا تصح. والواقع في تلك البلدان يخالفها، فالمسلمون في البلدان الغربية (كأوروبا)، التي تكون ساعات النهار طويلة في الصيف، قد صاموا هذه المدة مرات كثيرة ولم يلحق بهم أذى. ومن لحقه ضرر فليفطر وليقض في الأيام التي تقل ساعات النهار فيها، قال الله تعالى: {فَمَنْ كَانَ مِنْكُمْ مَرِيضًا أَوْ عَلَى سَفَرٍ فَعِدَّةٌ مِنْ أَيَّامٍ أُخَرَ} (البقرة 184).

إن مقصد الشرع من عبادة الصيام هو تعليم وتعويد المسلم على الصبر، الذي هو نصف الإيمان، والصوم نصف الصبر. وقد أمرنا الله بالاستعانة بالصبر والصلاة للقائه سبحانه في الجنة، فقال تعالى:

  • {وَاسْتَعِينُواْ بِالصَّبْرِ وَالصَّلاَةِ وَإِنَّهَا لَكَبِيرَةٌ إِلَّا عَلَى الْخَاشِعِينَ} (البقرة 45)

  • {الَّذِينَ يَظُنُّونَ أَنَّهُم مُّلَاقُو رَبِّهِمْ وَأَنَّهُمْ إِلَيْهِ رَاجِعُونَ} (البقرة 46)

وقد أكد الله على دخول الصابرين الجنة، وأن الملائكة تسلم عليهم من كل باب، قال تعالى:

  • {وَالْمَلَائِكَةُ يَدْخُلُونَ عَلَيْهِم مِّن كُلِّ بَابٍ} (الرعد 23)

  • {سَلَامٌ عَلَيْكُم بِمَا صَبَرْتُمْ فَنِعْمَ عُقْبَى الدَّارِ} (الرعد 24)

وفي مكة المكرمة في أيام الصيف تكون ساعات الصيام خمس عشرة ساعة، وترتفع درجة الحرارة إلى خمسين درجة مئوية، ويؤدي المسلمون الصيام ولا يلحقهم أذى أو مرض، بل يحصلون على عظيم الأجر من الله، ويفوزون بفرحتين كما جاء في الحديث القدسي: الأولى عند الإفطار، والثانية حين يلقون ربهم في الدار الآخرة، وذلك هو الفوز العظيم. والأجر يكون على قدر التعب.

والله ولي التوفيق، وهو المساعد والمعين، وصلى الله على سيدنا محمد وعلى آله وصحبه وسلم.

صدر هذا الجواب من فضيلة السيد عمر بن حامد الجيلاني
22 شعبان 1437 هـ – 29 مايو 2016


Rechtsgutachten – Schaykh Dr. ʿAbd al-Fattāḥ al-Bizm (Hanafitische Rechtsschule, Damaskus)

Alaykum as-salām wa raḥmatullāh wa barakātuh,

Diese Aussage widerspricht dem, was im edlen Koran in Bezug auf das Fasten steht.

Solange an einem Ort die richtige Morgendämmerung (al-fajr aṣ-ṣādiq) und der Sonnenuntergang eintreten, dauert das Fasten von der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang. Es gibt keinen Raum für Meinungsfindung (iǧtihād) oder Interpretation (taʾwīl) bei Vorhandensein eindeutiger Belege aus dem Koran.

Allah, der Erhabene, sagt: „[…] Und esst und trinkt, bis sich für euch der weiße vom schwarzen Faden der Morgendämmerung klar unterscheidet! Hierauf vollzieht das Fasten bis zur Nacht!“ (al-Baqara 187)

Wir in Damaskus – und ebenso in anderen Gebieten – fasten ungefähr 16 Stunden. Sollen wir etwa auf Aussagen hören, die eindeutig dem Qurʾān widersprechen?

Solche Ansichten könnten allenfalls für Länder gelten, in denen die Tage oder Nächte mehrere aufeinanderfolgende Tage andauern.

Shaykh ʿAbd al-Fattāḥ al-Bizm
Mufti der hanafitischen Rechtsschule in Damaskus

Arabisches Original:

عليكم السلام ورحمة الله وبركاته

هذا كلام يعارض ما جاء في القرآن الكريم بشأن الصيام. فطالما يتحقق حصول الفجر الصادق ويتحقق حصول غروب الشمس في أي بلد، فالصيام من الفجر إلى الغروب. ولا مجال للاجتهاد والتأويل مع وجود النص القرآني. قال تعالى:
{وَكُلُوا وَاشْرَبُوا حَتَّىٰ يَتَبَيَّنَ لَكُمُ الْخَيْطُ الْأَبْيَضُ مِنَ الْخَيْطِ الْأَسْوَدِ مِنَ الْفَجْرِ ثُمَّ أَتِمُّوا الصِّيَامَ إِلَى اللَّيْلِ} (البقرة 187)

نحن في دمشق عدد ساعات الصيام حوالي 16 ساعة، وهكذا في سائر منطقتنا تقريباً، فهل نسمع لذلك الكلام الذي يخالف القرآن صراحة؟
قد يوجَّه مثل ذلك لبلاد يستمر فيها الليل أو النهار لأيام كثيرة متلاحقة.

مفتي الحنفية في دمشق الشيخ عبد الفتاح البزم


Rechtsgutachten – Schaykh Ibrāhīm al-Šinqīṭī (Malikitische Rechtsschule, Mauretanien)

Diese Fatwa ist ungültig, und es ist nicht erlaubt für Fastende, sich danach zu richten.
Rechtlich werden die Bestimmungen entsprechend den äußeren Gründen festgelegt und an diese gebunden, und es ist nicht erlaubt, dass irgendjemand dies ändert oder durch etwas anderes ersetzt.

Den Anbruch des Morgens hat Allah zum Grund dafür gemacht, dass der Fastende sich von Essen, Trinken und anderen Fastenbrechern enthält, so wie Er dies auch für den Grund des Gebets gemacht hat:

„[…] Esst und trinkt, bis sich für euch der weiße vom schwarzen Faden der Morgendämmerung klar unterscheidet! […]“ (al-Baqara 187)

Und Er machte die Nacht zum Grund für das Fastenbrechen. Allah sagt: „[…] Hierauf vollzieht das Fasten bis zur Nacht! […]“ (al-Baqara 187)

Genauso hat Er die Nacht zum Grund für die Verpflichtung zum Abendgebet festgelegt, und der Prophet ﷺ sagte: „Wenn die Nacht von hier einbricht und der Tag verschwindet, dann soll der Fastende sein Fasten brechen und muss sein Gebet verrichten.“

Wenn die Morgendämmerung in diesem Land eintritt und die Sonne untergeht, dann sind die Fastenden verpflichtet, die Rechtsbestimmungen an ihre Gründe zu knüpfen. Daher haben sie sich mit Eintritt der Morgendämmerung von dem fernzuhalten, was ihr Fasten bricht, und brechen erst dann ihr Fasten, wenn die Sonne untergeht – genauso wie sie zu diesen beiden Zeiten ihr Gebet verrichten.

Dies ist eine Angelegenheit, über die unter den Rechtsgelehrten Einigkeit besteht. Al-Qarāfī sagte: „Allah wendet sich an jede Gruppe (von Menschen) entsprechend den Gegebenheiten ihrer eigenen Region und nicht der eines anderen Landes, und Er wendet sich nicht an eine Gruppe gemäß dem Sonnenstand einer anderen Region, weder in Hinsicht auf Mittag noch in Hinsicht auf den Morgen. Auch darüber besteht Konsens.“

Und wenn die Morgendämmerung bei ihnen nicht eintritt, dann hält man sich an das Nachbarland.

Arabisches Original

هذه فتوى باطلة لا يجوز للصائمين الاعتماد عليها، فالشرع علق الأحكام على أسبابها وربطها بها، وليس لأحد تغيير ذلك ولا تبديله. فطلوع الفجر جعله الله سببًا لإمساك الصائم كما جعله سببًا للصلاة، قال تعالى: {وكلوا واشربوا حتى يتبين لكم الخيط الأبيض من الخيط الأسود}، وجعل الليل سببًا لإفطار الصائم، قال تعالى: {ثم أتموا الصيام إلى الليل}، كما جعله سببًا لوجوب صلاة المغرب، وقال صلى الله عليه وسلم: «إذا أقبل الليل من ههنا وأدبر النهار من ههنا فقد أفطر الصائم ووجبت الصلاة».

فإذا كان الفجر يطلع في هذه البلاد وتغيب الشمس فيها، فإنه يجب على الصائمين فيها ربط الأحكام بأسبابها، فيمسكون عند طلوع الفجر ويفطرون عند غروبه، كما يصلون عندهما، وهذا أمر مجمع عليه.

قال القرافي: «خاطب الله كل قوم بما يتحققون في قطرهم لا في قطر غيرهم، فلا يخاطب أحد بغير زوال بلده ولا بفجره، وهذا مجمع عليه».

وإن كان الفجر لا يطلع عندهم فإنهم يتحرون أقرب البلاد إليهم.